Hochwertiger Kaffee soll Leute zurück ins Büro locken

Das Zürcher Unternehmen Felfel war bisher als Anbieter frischer Mahlzeiten am Arbeitsplatz bekannt. Nun steigt es mit eigener Marke ins Kaffeegeschäft ein.

Die besten unternehmerischen Ideen entspringen häufig Alltagsproblemen. So war es auch bei der Gründung von Felfel vor sieben Jahren: Unternehmensberater Emanuel Steiner fand es schade, dass es in seinem Berufsalltag keine gemeinsamen Mittagessen am grossen Tisch gab, wie es in seiner persischen Herkunftsfamilie üblich war. Alle assen verzettelt irgendwo, ziemlich teuer und ziemlich ungesund. Und so erging es nicht nur ihm, sondern Hunderttausenden von Angestellten, deren Arbeitgeber keine Personalkantine betrieben.

Steiner wagte den Sprung vom Berater zum Unternehmer und vertrieb mit seiner Firma Felfel Kühlschränke, die dank digital gesteuerter Logistik laufend mit frischen, gesunden Mahlzeiten von regionalen Lieferanten aufgefüllt werden. Die Mitarbeitenden haben jederzeit Zugriff darauf, bezahlt wird mit einem Badge, das Unternehmen zahlt eine Servicepauschale.

Das Wagnis hat sich mehr als ausgezahlt. Nach sieben Jahren beschäftigt Felfel über 100 Angestellte in Zürich und Lausanne. Mehr als 600 Schweizer Firmenkunden mit

insgesamt rund 50’000 Angestellten nutzen das Angebot. Auf digitalen Anzeigetafeln kann in Echtzeit abgelesen werden, was in den Schweizer Firmen besonders eifrig konsumiert wird. Beim Besuch am Firmenhauptsitz in Zürich-Wiedikon in der Mittagszeit führt der Marmorkuchen die Rangliste an, doch die Pasta Cinque Pi wird ihn bald überholen, wie Daniela Steiner, Ehefrau von Emanuel Steiner und Mitinhaberin von Felfel, voraussagt.
“Die Kaffeequalität ist in vielen Unternehmen katastrophal schlecht.”
FELFEL-Mitinhaberin Daniela Steiner


Ermutigt durch den Erfolg des Felfel-Verpflegungskonzepts, packen Emanuel und Daniela Steiner ein nächstes Projekt an. «Die Kaffeequalität ist in vielen Unternehmen katastrophal schlecht», sagt Daniela Steiner. Viele Privathaushalte hätten in der Corona-Zeit aufgerüstet, «überall schaffen sich Leute Barista-Kolbenmaschinen oder Siebträgermaschinen an und zelebrieren die Kaffeezubereitung». Nur im Büro habe sich kaum etwas verändert. Da werde der Kaffee vielerorts am gleichen Ort bestellt wie das Büromaterial, getrunken werde eine braune Brühe mit Milchpulver aus dem Automaten oder ökologisch bedenklicher Kapselkaffee.

Felfel ist für den Eigenbedarf an Kaffee schon vor drei Jahren andere Wege gegangen. Emanuel Steiner, der seit seinem siebten Lebensjahr Kaffee trinkt, hat sich damals entschieden, bei Felfel eine Barista einzustellen - nicht nur, weil er selber gut und gerne 20 Tassen pro Tag trinkt, sondern auch, «weil die Baratmosphäre und der gemeinsame Genuss die Arbeit im Team ebenso verbessern wie das gemeinsame Mittagessen am grossen Tisch».

Kaffeemarkt ist umkämpft

Nun lanciert Felfel die eigene Kaffeemarke Gavetti und stützt sich dabei auf das bewährte Konzept. Mit Installation, Unterhalt und Nachfüllen hat der Kunde nichts zu tun, alles wird von Felfel angeliefert und zentral überwacht. Daniela Steiner sagt, sie sei sich bewusst, dass der Kaffeemarkt «ein Haifischbecken» sei, man habe aber mit Gavetti gute Argumente gegenüber der Konkurrenz.

Die Kaffeebohnen bezieht Felfel bei 400 Bauernkooperativen in Peru, Nicaragua und Honduras, allesamt in Bioqualität und mit Fairtrade-Label. Gleichzeitig fliesst ein Teil des Erlöses in ein Projekt, das peruanische Bäuerinnen unterstützt. Geröstet wird der Kaffee in einem Familienbetrieb in der Emilia-Romagna, der «Wiege des Kaffees», wie Emanuel Steiner betont.

Verarbeitet wird der Kaffee schliesslich in Maschinen des Walliser Herstellers Eversys, die Steiner als «modernste Kaffeemaschine der Welt» bezeichnet, weil sie vollautomatisch Kaffeevarianten in Barista-Kolbenmaschinenqualität in die Tasse bringe und dabei sogar Wetter- und Luftdruckveränderungen berücksichtige. Auch ein Cappuccino mit Hafermilch ist so in wenigen Sekunden genussbereit.

Foto: Markus Marty - Make it nice

Porzellantassen statt Papierbecher

Die Entwicklung der einzelnen Rezepte für Café Crème, Espresso, Cappuccino, Latte macchiato und die anderen 20 Varianten habe drei Monate in Anspruch genom- men, sagt Emanuel Steiner. Nun sei aber alles so fein abgestimmt, dass man keinen Vergleich mit der Spitzengastronomie fürchten müsse. Zum Angebot gehört auch, dass bei Gavetti Porzellantassen ohne Aufpreis mitgeliefert werden, die biologisch abbaubaren Papierbecher hingegen zusätzlich verrechnet werden.

Daniela Steiner rechnet damit, dass der hochwertige Kaffee für viele Arbeitgeber ein gutes Mittel sein wird, um die Angestellten nach der Homeoffice-Zeit wieder zur Rückkehr an den Arbeitsplatz zu motivieren. «Viele Berufsleute haben sich mit dem Homeoffice angefreundet, entsprechend brauchen die Unternehmen gute Argumente», sagt Steiner. «Denn wenn zu viele zu Hause arbeiten, leidet mit der Zeit die Unternehmenskultur.» Entsprechend habe Felfel in den letzten drei Monaten so viele Neukundenanfragen fürs Verpflegungsangebot erhalten wie noch nie in der siebenjährigen Firmengeschichte.

Schwarzen Kaffee für einen Franken

Und auch das Kaffeeangebot ist gut angelaufen. Daniela Steiner zeigt auf einen weiteren Bildschirm, der in Echtzeit den Kaffeekonsum in einer Zürcher Bank abbildet. Das sei deutlich mehr, als sie erwartet hätten, zumal in diesem Unternehmen noch andere Maschinen im Einsatz seien. Für jene Arbeitgeber, die die Kosten für den Kaffee auf die Angestellten abwälzen, rechnet sich die Investition ab 2000 Kaffees pro Monat - dann sind die Kosten für die Servicepauschale gedeckt. Den Maximalpreis, den Arbeitgeber ihren Mitarbeitern pro Kaffee verrechnen dürfen, hat Gavetti festgelegt. Er beträgt beim schwarzen Kaffee einen Franken, rund viermal weniger als im Restaurant.

Das Unternehmerpaar hofft, mindestens einem Drittel der Felfel-Stammkunden künftig auch den Kaffee ins Haus liefern zu können. Speziell interessiert dürften jene Unternehmen sein, für die Homeoffice auch in Corona-Zeiten keine Option war, etwa Produktionsbetriebe und Spitäler. Kürzlich habe ihm eine Spitalmitarbeiterin erzählt, bei ihnen werde nur «Liquid Coffee» eingesetzt, erzählt Emanuel Steiner. Auf seine Entgegnung, jeder Kaffee sei flüssig, erklärte sie ihm, aus Zeitgrün- den werde im Spital einfach ein Kaffeekonzentrat mit heissem Wasser aufgegossen. Steiner verzieht das Gesicht und findet, wer so hart arbeite wie die Angestellten in Spitälern, habe wirklich eine bessere Kaffeequalität verdient.

Publiziert am 19.10.2021 um 12:15 Uhr im Tagesanzeiger. Autor: Mathias Morgenthaler