Der Aufschwung der Automaten

26th Okt, 2015

Frischen Wind bringt die Jungfirma Felfel in die Welt der Verpflegungsautomaten. Dass das Konzept geschickt diverse Trends aufnimmt, zeigt nicht nur die jüngste Nomination für einen Swiss Gastro Award.

 

Das Binzquartier am Fuss des Üetlibergs bietet eine inspirierende Mixtur aus angejahrter Bausubstanz und frischen Ideen. In alten Gewerberäumen haben sich Architekten, Werber, Startups eingemietet, aber auch einige Grossfirmen mit internationaler Ausstrahlung sind hier ansässig. Exemplarisch spiegelt das Haus an der Grubenstrasse 11 diese Vielfalt: Ein kleiner Suppenproduzent ist ebenso zu finden wie ein Bibelstudio, ein Billardklub, ein libanesischer Verein – und das vor gut einem Jahr gegründete Gastrounternehmen Felfel. Esswaren, sortiert nach belieferten Firmen, lagern im Kühlraum gleich nach dem Eingang des Büros, eines funktional eingerichteten Lofts. Zwei der typischen Felfel-Kühlschränke, furniert mit Holzimitat, stehen an der Wand, fünf der insgesamt acht Mitarbeiter sitzen gerade am gemeinsamen Schreibtisch vor Laptops. Fast alle sind Quereinsteiger, von der Mathematikerin Gemma bis zu Attila, dem Geografen; einer arbeitete vorher bei einer Bank, ein anderer betrieb in Malaysia eine Ziegenfarm. In solch disziplinenübergreifenden Schmelztiegeln reifen heutzutage Innovationen.

 

In der NZZ-Redaktion genutzt

Die Jungfirma basiert auf einer gradlinigen Geschäftsidee: Man beliefert Firmen mit Verpflegung für die Mitarbeiter und poliert dabei das angestaubte Image der Lebensmittelautomaten auf. Der eingesetzte Kühlschrank ist ein zusammen mit einer Schweizer Firma entwickeltes, europaweit wohl einzigartiges Beispiel für Hochtechnologie, sein Inhalt ist stets auf dem Computer von Felfel abrufbar. Ein Exemplar voller Suppen, Currys, Säfte, Salate und weiterer kalter oder aufwärmbarer Speisen steht seit neun Monaten – direkt neben dem seit Jahren bestehenden Selecta-Pendant – auch in der kleinen Cafeteria der NZZ-Redaktion an der Falkenstrasse. Es ist ein spätes Trostpflaster dafür, dass vor fünf Jahren aus Spargründen die Kantine abgeschafft wurde. Deren soziale Funktionen kann dieses Angebot zwar so wenig ersetzen wie deren Tellergerichte, doch erfreuen sich die oft ausgezeichneten Fertigprodukte wachsender Beliebtheit.

Zusammengearbeitet wird mit lokalen Kleinstproduzenten, die beispielsweise auch Globus und Hiltl beliefern, sowie diversen Caterern wie Franzoli. Die Falafeln zum Beispiel stammen vom «Palestine Grill» an der Langstrasse und der feine Fruchtsalat von der Thalwiler Fruitpassion GmbH der unter anderem vom Bürkliplatz-Markt her bekannten Powerfrau Francette Dubach-Obe. «Für die meisten unserer Zulieferer sind wir die grössten Abnehmer», sagt Emanuel Steiner, ein unaufgeregt wirkender Mann mit tanzenden Augenbrauen, der die Firma gegründet hat und nun führt.

Die Ideen dafür hat der 32-jährige ehemalige Banker in aller Welt gesammelt. Der Perserteppich vor dem roten Sofa, das eine Nische des Büros zum legeren Besprechungsort aufwertet und etwas Farbe in den Raum bringt, ist eine Reverenz an seine Wurzeln: Seine Mutter heiratete als Iranerin einen Zürcher. 12-jährig wanderte der Sohn mit ihr nach New York aus, wo er später Betriebswirtschaft studierte, ehe er das erste Investment-Banking-Team der Mongolei aufbaute. Seine Beschlagenheit in Finanzfragen bildet nun die Basis für ein florierendes Geschäft, das schon kurz davor steht, schwarze Zahlen zu schreiben.

16 Firmenkunden beteiligt

Die Preise für die Endkunden sind moderat, da Felfel sich hauptsächlich über eine monatliche Servicepauschale im tiefen vierstelligen Bereich finanziert, die es direkt bei allen belieferten Unternehmen einzieht. Dabei handelt es sich zurzeit um 16 Betriebe in der ganzen Deutschschweiz; von deren insgesamt gut 3700 Mitarbeitern mit Zugang zu einem Felfel-Kühlschrank nutzt laut Steiner etwa die Hälfte das Angebot.

Das Argument, dass dieses System manchen Firmen einfach als günstigerer Ersatz für ein Personalrestaurant diene, lässt er nicht gelten: Felfel fülle die Lücke für Firmen mit einem Bestand von 80 bis 500 Angestellten, bei dem sich eine Kantine nicht lohne, hält er fest – und findet, das System sei dem Betriebsklima durchaus zuträglich: «Die Idee ist, dass die Leute die Produkte zusammen essen, statt sich auf verschiedene Restaurants zu verteilen.» Das aber ist wohl oft ein frommer Wunsch. An der Falkenstrasse jedenfalls wird die Verpflegung nicht selten ins Büro mitgenommen, wo während des Essens weitergearbeitet werden kann. Das werde von Firma zu Firma sehr unterschiedlich gehandhabt, räumt Steiner ein. Bei einigen aber holten vier Fünftel der Nutzer ihr Essen zusammen aus dem Kühlschrank.

Fest steht: Verblüffend spielerisch nimmt das Felfel-Prinzip gleich eine Handvoll Trends auf, welche die Gastronomie heute prägen – wie schnelle Verpflegung und bewusste Ernährung. Dazu gehört auch der Kampf gegen Food-Waste, für den man soeben eine Partnerschaft geschlossen hat: Frischprodukte, die nach zwei Tagen noch keinen Käufer gefunden haben und deshalb aus den Regalen entfernt werden, gehen an Caritas-Märkte der jeweiligen Region, wo sie zu günstigen Preisen an Sozialhilfebezüger abgegeben werden. Allerdings hält sich laut Steiner die Überproduktion in engen Grenzen, da das ausgeklügelte Logistiksystem eine sehr genaue Einschätzung des Bedarfs ermöglicht.

Einkäufe werden erfasst

Dem verbreiteten Ruf nach gesunder Ernährung wird mit dem Slogan «Gesund essen am Arbeitsplatz, einfach gemacht» Rechnung getragen, der im Logo eingebaut ist. Das erscheint zwar mit Blick auf die Auswahl, vom Schokoladenkuchen bis zum gefüllten Bagel, etwas übertrieben; doch Steiner relativiert den Begriff: Gesunde Ernährung habe vor allem ausgewogen zu sein und ohne Farb- und Konservierungsstoffe auszukommen; beide Voraussetzungen erfülle der Inhalt des Felfel-Kühlschranks.

Wer sich gar an einen Ernährungsplan halten möchte, kann am Computer in Windeseile die Kalorienzahl und andere Werte prüfen; bald soll ein Alarm zudem Allergiker warnen, die ein Produkt mit einer von ihnen definierten Zutat entnehmen. Da per Kreditkarte bezahlt und mit dem Firmenbadge abgerechnet wird, der übrigens auch den Kühlschrank entriegelt, hat nämlich jeder Nutzer ein Kundenkonto. Auf diesem sind die individuellen Einkäufe gespeichert – was bei manchen, denen die Privatsphäre heilig ist, für Stirnrunzeln sorgen dürfte. Steiner garantiert zwar, dass die Kundendaten nicht an Dritte weitergegeben werden, auch nicht an Arbeitgeber. Aber Felfel selbst nutzt das Material als Instrument, das Angebot individuell masszuschneidern. Wer regelmässig Fleischgerichte wählt, muss zum Beispiel damit rechnen, per Mail auf das frisch ins Sortiment aufgenommene Roastbeef hingewiesen zu werden. Dieser persönliche Bezug werde von den meisten geschätzt, sagt Steiner. Das zeigten auch die täglich gegen dreissig persönlichen Rückmeldungen per Mail, die nebst Lob und etwas Tadel auch allgemeine Anregungen enthalten.

Ein umfassendes Lob haben die Kunden der Jungfirma übrigens soeben bei der Vorausscheidung zu den Swiss Gastro Awards vergeben, die Anfang November verliehen werden: Sie ist für den Preis in der Kategorie «on the move» nominiert; die dafür ausschlaggebende Online-Publikumsabstimmung hat sie laut Steiner auf Platz eins abgeschlossen.

 

Artikel von Urs Bühler in der Neuen Zürcher Zeitung 10/2015

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